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Posts Tagged ‘Odenwald’

Ich hätte diesen Beitrag an Halloween posten sollen, denn er führt uns direkt nach Transsylvanien 🙂

Ja, auch der Odenwald hat sein Transsilvanien, nämlich den Überwald. Der Überwald ist eine der höchstgelegenen Regionen des Odenwaldes; Absteinach, eine Gemeinde im Überwald, ist seit dem Neolithikum, wenn auch nicht fest besiedelt -dafür war die Gegend zu sumpfig und dicht bewaldet- so doch von Neolithischen Populationen besucht, sei es zur Jagd, zum Sammeln von Nahrungs- und Futtermitteln oder auch zur Holzgewinnung. Ein Steinbeil aus Oberabtsteinach, sowie ein Beil aus grünem Granatamphibolit aus Siedelsbrunn zeugen von einer jungsteinzeitlicher Präsenz im Überwald.

Steinbeil des späten Neolithikums, gefunden im Gebiet des Eichelbergs, ca. 6 km südlich von Abtsteinach
Quelle: Gemeinde Gorxheimertal, Festschrift 1000 Jahre Unter- und Oberflockenbach, 2012

Während der Eisenzeit mehren sich die Nachweise einer Besiedlung im Überwald, so befand sich auf der Stiefelhöhe ein keltisches Oppidum, eine keltische Wallanlage auf dem Steinberg bei Unterflockenbach, ein keltischer/germanischer Versammlungsplatz auf dem Kahlberg wo heute die Walburgiskapelle steht und Karl der Große die Grenzen der Mark Heppenheim festgelegt hat (erwähnt im Codex Laureshamensis, 795), ein Quellheiligtum bei Lichtenklingen ….

Das zunehmende Interesse während der keltischen Zeit ist nicht weiter verwunderlich, ist es doch nicht nur reiches Jagdgebiet, sondern auch eines der ältesten Eisenerzbergbaugebiete des Odenwaldes. Im oben erwähnten Lorscher Codex (Codex Laureshamensis) werden bereits Arezgreften, also Erzgruben, am Erzberg bei Weschnitz erwähnt (Welinehouc = der heutige Kahlberg).

Übersichtskarte des Eisen- und Manganerz-Berbaureviers Weschnitz-rohrbach im mittleren Odenwald (Rennofen Symbole geben Verhüttungsstandorte wieder)
J.-U. Eder und J. Babist 2009, Abb. 1

Zwar gibt es weder schriftliche Belege für eine Nutzung in der Eisen/Römerzeit noch wurden meines Wissens Ausgrabungen vorgenommen, da aber die Eisenerze zu Tag austraten, ist eine Nutzung des Erzvorkommens sehr wahrscheinlich. (Eder und Babist 2009, S. 2).

Auch der Götzenstein, der auf dem gleichnamigen bewaldeten Gipfel des 521 m hohen Berges liegt, soll ein vorchristlicher Zeremonialplatz gewesen sein. Die Steine selbst sind ein Granodiorit (ein eng mit Granit verwandtes Gestein wie z.B. auch der Stein von Rosetta), der durch das feuchtwarme Klima im Tertiär sog. „Felsenburgen“ gebildet hat. Diese entstehen durch Wollsackverwitterung:

Es wird angenommen, dass die Kuppe von Menschenhand abgeflacht wurde, Untersuchungen dazu gibt es aber nicht.

©outdooractive.com

Für die Nutzung des Götzensteins als religiöser Kultplatz spricht aber auch die besondere Lage; rund um den Berg entspringen mehrere Quellen, wie z.B. der Vöckelsbach, der Geisenbach, der Schnorrenbach, der Löhrbach und nicht zu vergessen die Steinach. Ein solcher Berg mußte ja etwas besonderes darstellen. Viele der Ortsnamen im Odenwald (das ja zum Bereich der agri decumates gehörten) und Flußnamen sind keltischen Ursprungs wie Eitersbach (von itter = fließendes Wasser), der Name Eberbach (von eburos = Eibe), Weschnitz (von Visucius = keltischer Flußgott) oder der Odenwaldberg Tromm (von drum = Rücken). Es spricht also nichts gegen eine Nutzung durch die keltische Bevölkerung bevor die Franken die Oberherrschaft übernahmen und wohl auch noch lange danach, denn die Christianisierung war ein langwieriger Prozeß der erst durch das brutale Vorgehen Karls des Großen landesweit durchgesetzt wurde.

Der Götzenstein

Der Götzenstein

Ganz sicherlich von Menschenhand mitgeformt ist dieser Stein, aber wann?

Unterhalb des größten Steinblockes

Auf der Informationstafel lesen wir von einer Sage nach der Dietbert, ein fränkischer Stammesfürst hier heidnischen Göttern geopfert haben soll obwohl der Frankenkönig Chlodwig I bereits getauft worden sei. Vielleicht handelt es sich ja tatsächlich um den historischen späteren Frankenkönig Dietbert = Theudebert I. Obwohl sich Chlodwig nach der Schlacht bei Zülpich gegen die Alamannen taufen ließ und seine Kinder mit Chrodechild noch vor ihm getauft wurden, stammt Theudebert von Chlodwig’s Sohn mit einer Konkubine ab, Theuderich I (Dietbert). Sowohl Theuderich als auch Theudebert wurden irgendwann in ihrem Leben getauft, aber dennoch duldeten sie das Heidentum und Theudebert lehnte sich öfters gegen die Kirche auf und wurde auch von Nicetius exkommuniziert (Uhalde 1999). Die Anschuldigungen Nicetius betreffen vor allem den Ehebruch, also muß seine Taufe vor der Zeit als er mit Wisigarde verlobt war aber die Galloramanin Deuteria ehelichte (532) liegen. Dass in der Sage von einem Stammesfürsten, nicht aber eines berühmten Frankenkönigs die Rede ist, spricht ebenfalls für eine Zeit vor 532 da er nach dem Tod seines Vaters 533 Nachfolger und König über den austrasischen Teil des Frankenreiches wurde. Es ist durchaus denkbar, daß Theudebert, der ein ambitionierter Jäger war, bei der Durchreise [Jagdurlaub 😉 schließlich war der Odenwald ja auch für die Nibelungen beliebtes Jagdgebiet] an heidnisch-religiösen Handlungen teilnahm.

Natürlich kann es sich auch um einen gleichnamigen Kleinfürsten gehandelt haben, für eine absolute Gewißheit fehlen ausreichende Nachweise. Aber es ist doch nett anzunehmen, daß ein großer Frankenkönig hier, mitten im verschlafenen Odenwald, einmal Halt gemacht hat.

Der „Grüne Mann“ vom Überwald im Herbst 🙂

Bibliographie:

J.-U. Eder und J. Babist 2009. Vermeidung von Schäden an Berbaurelikten durch alternative Holzrücke-Technik am Beispiel des Bergreviers Weschnitz-Rohrbach. Online Publikationen des Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald e. V. (www.geo-naturpark.net/daten/forschung/Publikationen.php)

K. Uhalde 1999. Proof and re-proof: the judicial component of episcupal confrontation, Early Medieval Europe 1999, 8 (1), 1-11.

Links:

Gemeinde Abtsteinach

Beitrag vom ‚Kultplatzblog‘

Wandertips vom ‚Sagenhafter Odenwald‘ Blog

Die Geschichte von Unter- und Oberflockenbach in der Festschrift  1000 Jahre Unter- und Oberflockenbach

Ausstellung in Frankfurt über Königinnen der Merowinger, u. a. auch über Wisigarde, der Gemahlin Theudeberts I (10.11.2012 – 24.02.2013)

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