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Archive for März 2011

An English version can be found here.

Der zweite Artikel, der es in die Topliste für Februar geschafft hat, ist eine Publikation über die Kolonisation von Polynesien. Vier hochkarätige Wissenschaftler kamen zusammen, um Radiocarbondaten für die Besiedelung Polynesiens erneut zu untersuchen und zu re-evaluieren. Dies sollte ein besseres Bild für die Besiedelungphasen ergeben. Janet Wilmshurst von Landcare Research, einer Umwelt- und Forschungsorganisation in Neuseeland ist wohl am besten bekannt für ihre Arbeit an pazifischen Ratten, die als Kulturfolger des Menschen sehr viel über die Kolonisierung aussagen können, Terry Hunt vom Institut für Anthropologie der Universität Hawaii, der sich besonders mit Rapa Nui beschäftigt, Carl Lipo vom Institut für Anthropologie in Long Beach ist auch der Mitbegründer des IIRMES Institus, dessen Interesse an der Entwicklung theoretischer Modelle zur Untersuchung von Entwicklungsmustern sich deutlich in diesem Artikel zeigt und schließlich Atholl Andersen vom ANU College Asien und Pazifik, der zur Zeit einem Projekt über die Erstbesiedelung des Indo-pazifischen Raumes vorsteht.

Die polynesische Kultur hat sich von Samoa und Tonga aus über ganz Ozeanien bis nach Rapa Nui im Osten, Hawaii im Norden und den Auckland Inseln im Süden ausgebreitet. Der zeitliche Rahmen und die Reihenfolge in der diese Besiedlung stattgefunden hat wird sehr kontrovers diskutiert. Die nachstehende Abbildung zeigt wie man sich dies bisher vorgestellt hat:

Wie man sehen kann, scheinen die verschiedenen Inseln zu unterschiedlichen Zeiten besiedelt worden zu sein. Einigkeit über den genauen Zeitpunkt und den Ablauf dieser Initialbesiedelung gab es jedoch nicht. Um sich des Problemes nachhaltig anzunehmen, benutzten Wilmshurst et al. eine ebenso einfache wie geniales Methode: eine einfache Revision der bis heute zur Verfügung stehenden Radiocarbondaten.

Daten von kurzlebigen Pflanzen oder Eierschalen von Landvögeln und generell Daten mit geringer Standardabweichung ( dies ist für das 13. Jahrhundert besonders wichtig wegen des Kalibrierungsplateaus) sprachen Wilmshurst et al. dabei höchste   Zuverlässigkeit zu und werden von den Autoren als Klasse 1 Daten bezeichnet. Ferner benutzen sie für diese Klasse nur Datenmaterial das in direktem Zusammenhang mit Kulturgütern oder Kulturfolgern (z. B. die pazifische Ratte Rattus exulans).

Ausgehend von Samoa und Tonga welche ca. 800 BC besiedelt wurden, konnten sie zeigen dass sich für Klasse 1 Daten eine sehr kurze Chronologie der Besiedelung ergab und zwar für alle Inseln einschließlich der entfernteren Inseln wie Rapa Nui und  Neuseeland. Zusammenfassend ergaben sich zwei Migrationsphasen für die Besiedelung Polynesiens:

Wilmshurst et al. 2011, fig.1
Eine erste Phase zu den Society Inseln und möglicherweise bis Gambier um ca. AD 1005 – 1121 (auf der Karte in orangener Färbung zu erkennen) und eine zweite Phase zu sämtlichen anderen Inseln Polynesiens um ca. AD 1200 – 1290  (auf der Karte in gelb gekennzeichnet). Diese Ergebnisse werden einen großen Einfluß auf zukünftige Untersuchungen der Besiedelungs- struktur Polynesiens haben.
Einige Chronologien konnten bestätigt werden (z.B. Neuseeland, Rapa Nui) andere jedoch zeigten erhebliche Abweichungen von der bis dahin vorherrschenden Vorstellung. So ergaben sich beispielsweise wesentlich spätere und kürzere Erstbesiedelungs-phasen für die Marquesas und die Hawaiianische Inselkette. Erstaunlich ist auch dass der Zeitpunkt für die Besiedelung der einzelnen Inseln im selben Zeitrahmen stattgefunden hat, selbst die von den Society Inseln am weitesten entfernten Inseln wie die Auckland Inseln, Hawaii und Rapa Nui wurden zum selben Zeitpunkt erreicht.
Nach dieser Feststellung diskutieren Wilmshust et al. mögliche Erklärungen für diese Besiedelungschronologie wie z. B. Bevölkerungswachstum, beabsichtige Erkundungszüge mit einhergehender technischen Innovation im Bootsbau. Aber auch  Umweltfaktoren werden als potentielle Ausläser angesprochen. Vulkanausbrüche sind im polynesischen Dreieck keine Seltenheit und man kenke nur an den großen Ausbruch von Kaharoa zu Beginn des 14. Jahrhunders in Neuseeland. Auch die extrem starke El Niño Phase im späten 12. bis frühen 13. Jahrhunderts könnte insbesondere für die Ausbreitungsrichtung von Bedeutung gewesen sein.
Abschließend sprechen die Autoren verschiedene Probleme an, die aufgrund der neuen Datenlage dringend eine neue Evaluation benötigen:
  • die Einfuhr von domestizierter Süßkartoffel
  • linguistische Probleme
  • die  Monumentalarchitektur
  • Gleichförmigkeit der kulturellen Güter
  • Einfluß dess Menschen auf das Ökosystem der jeweiligen Inseln

Diese Liste könnte noch erweitert werden mit Problemen der Genetik (vgl.. Brewis et al. 1995, Asia Pacific J Clin Nutr 4, 361-5) oder die Datierung von Felsbildern um nur einige zu nennen. Man kann nur hoffen, dass dieser Artikel zu neuer und erneuter Forschung anregt.

Alles in allem ein hervorragender Artikel, der ausgezeichnet darstellt, wie man mit Hilfe einfacher Mittel, hier die Re-Evaluierung von Radiocarbondaten ein stagnierendes Thema einen großen Schritt nach vorn bringen kann. Was mich persönlich überrascht hat, war die Tatsache, dass für fünf Inseln keinerlei Klasse 1 Daten existieren und mit Ausnahme von vielleicht Neuseeland zuverläßige Daten eher die Ausnahme denn die Regel darstellen.

Full citation of article: J M Wilmshurst, T L Hunt, C P Lipo, and A J Anderson, High-precision radiocarbon dating shows recent and rapid initial human colonization of East Polynesia, PNAS 108 (5), 2011, 1815-20.

Dieser Artikel ist online erhältlich durch die PNAS open access option.

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There is an English review here.

Für Ben Potter von der University of Alaska in Fairbanks und den Doktorand Joshua Reuther von der University of Arizona, Tuscon wurde der Traum aller  Archäologen wahr: am letzten Abend ihrer Ausgrabung in Upward River Sun, einem spätpleistozänen/frühholozänen Fundort auf einer Düne in der Nähe des Tanana Flusses, stießen sie auf einen menschlichen Schädel. Die Ergebnisse ihrer Arbeit an diesem Fundort publizierten sie in der  Science magazine Ausgabe vom 25. Februar 2011.

URSS (Upward River Sun Site) hat mehrere runde Hüttengrundrisse zu verzeichnen. Schon diese Agglomeration von Bauten wäre sensationell, denn die Besiedelung in Beringia, also dem Gebiet zwischen Sibirien und Nordamerika, ist immer noch wenig verstanden, nicht zuletzt wegen der geringen Fundmenge. Eine Sensation allerdings bot Grundriß 5, wo in einem Grubenherd die Überreste des Leichenbrandes eines dreijährigen Kindes (+/- 1 Jahr) gefunden wurden. Der Fund ist von besonderer Bedeutung, da kaum Informationen über Bestattungssitten, die Lebensgemeinschaften oder rituelle Handlungen dieser ersten Siedler Nordamerikas vorliegen.

Der Fund wurde aufgrund der Holzkohle die für den Leichenbrand benutzt wurde als auch aus der Holzkohle der Abdeckung auf 11.500 cal BP datiert. Eine Zeit also, als die Bering Straße bereits wieder weitgehend unter Wasser stand und Menschen nur noch ganz oder teilweise auf dem Wasserweg die Bering See überqueren konnten.

 

Auf der Eurasischen Seite ist lediglich ein Fundort mit Bestattungen aus annähernd dieser Zeit bekannt. Es handelt sich dabei um den Fundplatz Ushki See auf Kamtschatka in Russland. Im Beringia der Nordamerikanischen Seite ist ebenfalls nur ein Fundplatz bekannt: bei diesem handelt es sich allerdings um ein menschliches Skelett das in einer Höhle (On-Your-Knees Cave) gefunden wurde. Ob es sich hier um eine reguläre Bestattung handelt oder aber um einen Unfall, kann nicht näher bestimmt werden. Das Skelett weist auf jeden Fall Bißspuren von Karnivoren auf. Allerdings ist dieser Fundplatz ca. 1000 Jahre jünger als USRS.

Aber nun zum eigentlichen Fundort: das Kind von USRS wurde mit einer leichten Neigung nach rechts in Rückenlage auf die kreisrunde Herdstelle gelegt und dort verbrannt. Die erhaltenen Knochen waren noch annähernd in situ. Die direkte Verfüllung des Herdes nach dem ca. 1-3 Stunden dauernden Brandes machte die außergewöhnlich gute Erhaltung der fragilen Kinderknochen möglich. Das Holz für den Brand wurde als Pappelholz (Populus balsamifera) identifiziert. Unter den verbrannten Knochen  des Kindes befand sich eine Lage aus Tierknochenbrand, unter anderem handelte es sich hierbei um Lachsartige, Wühlmäuse, Eichhörnchen, aber auch Vögel wie Schneehuhn und Sperlingsartige. Die Wühlmäuse wurden am Stück im Grubenherd deponiert während die Eichhörnchen wohl  zubereitet waren (Potter et al. sprechen von ‚ground‘, also zermahlenen Eichhörnchen). Das ganze Ereignis muss im Hochsommer stattgefunden haben, da die Epiphysen der Eichhörnchen noch nicht verwachsen waren und die Funde von Lachs ebenso darauf hinweisen. Unmittelbar mit dem Gebäude assoziiert waren ca. 350 lithische Artefakte in einer Konzentration auf der Ostseite, wahrscheinlich der Rückseite der Hütte wenn man die Verteilung der eingezeichneten Pfostenlöcher bedenkt. Es handelt sich dabei fast ausschließlich um tertiäre Abschläge die man z. B. beim Nachschärfen von Werkzeug erhält. Ausgenommen zweier kleiner Ockerfragmente innnerhalb des Grubenherdes wurden keine Gegenstände gefunden die als Grabbeilagen gedeutet werden konnten.

Potter et al. 2011, Science 331, fig. 3

Die Autoren versuchen dann diesen Leichenbrand in einen größeren Kontext zu stellen. Dies erweist sich allerdings als schwierig, da in der östlichen Beringia keine menschlichen Überreste innerhalb von Bauwerken gefunden wurden und lediglich zwei Fundstellen mit Leichenbrand überhaupt bekannt sind (Marmes und Spirit Cave). Für die Autoren schien deshalb der Vergleich mit Ushki, wo Kinderbestattungen in flachen Gruben unter dem Boden von Grubenhäusern gefunden wurden, näherliegend.

Was mir an diesem Artikel weniger gefiel, waren die vorschnellen Interpretationen der Autoren. Von Anfang an wurde der Leichenbrand und das damit verknüpfte Gebäude als ‚die Bestattung und das Haus‘ (‘the burial and house‘), angesprochen und damit automatisch die Assoziation von einer  tatsächlichen ‚Bestattung‘ in einem domestischen Kontext hervorgerufen.

Können wir dies tatsächlich aus den vorliegenden Daten ableiten? Die nichtvorhandenen Knochen des Kindes waren letztendlich was mich an der Interpretation einer Bestattung störte. Die meisten Wirbelkörper und –bögen, Schulterblätter, Schlüsselbeine,  Hüftknochen und fast alle Knochen der Beine und Füße fehlten; dennoch lagen die verbliebenen zerbrechlichen Knochen etwa der Rippen oder Finger (und wir sprechen hier von Bruchstücken  unter 2 cm) annähernd in situ. Für mich bedeutet das, das jemand vor der Auffüllung des Grubenherdes die fehlenden Knochen (die 80 % des Skelettes ausmachen) sehr vorsichtig entfernt hat. Die Kremation könnte also auch als eine Vorbereitungsmaßnahme für die eigentliche Bestattung angesprochen werden. Die für die Bestattung ‚wichtigen‘ Knochen wurden entfernt und die eigentliche Bestattung fand an einem anderen Ort statt. Damit wäre dieser Platz lediglich ein Ort der Exkarnation. Das würde auch das Fehlen der Grabbeigaben erklären.

Ebenso scheint mir die Behauptung dass die verbrannten Faunenreste zu früheren Nutzungsperioden gehörten fragwürdig, da die Radiocarbondaten alle im selben Zeitrahmen liegen. Eine andere Erklärung wäre ein vorangestellter Leichenschmaus oder eine rituelle Verbrennung, immerhin sprechen wir hier von 213 Mäusen und Wühlmäusen (1/3 aller Tierarten) die  am Stück verbrannt wurden.

Die Steingeräte selbst spiegeln keine Wohnnutzung des Gebäudes wieder, da es sich lediglich um Abschläge zur Werkzeuginstandhaltung  handelt. Da keine anderen Gebrauchsgeräte (Abschläge oder Mikroklingen) in Assoziation mit dem Gebäude gefunden wurden könnte es sich um ein einzigartiges Ereignis gehandelt haben, eine speziell für die Verbrennung/Exkarnation gebaute Hütte. Ebenso wurde kein sonstiger Wohnabfall gefunden, weder im Herdbereich noch im oder um das Haus herum.

Im Plan sind um die Hütte 5 größere Mengen an Holzkohle eingezeichnet, eine Tatsache auf die die Autoren überhaupt nicht eingehen.

Trotz der suggestiven und übereiligen Interpretationen ist dies eine Entdeckung von herausragender Bedeutung. Die exzellente geoarchäologische Bearbeitung und die detaillierte  und hervorragende Faunen- und anthropologische Untersuchung wird eine Menge zum Verständnis der Besiedelung von Nordamerika beitragen. Darüber hinaus haben wir die seltene Gelegenheit einen Blick auf rituelle Handlungen und Totenbrauch der frühen amerikanischen Siedler zu erhalten.

Full citation of article: BA Potter et al., A Terminal Pleistocene Child Cremation and Residential Structure from Eastern Beringia, Science 331, 2011, 1058-62.

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The Petrie Museum is with roughly 80,000 artefacts one of the finest museums on Egyptian and Sudanese archaeology. The initial collection was donated by the writer Amelia Edwards. Together with Sir William Flinders Petrie’s private collection, which he sold to the University College in 1913 it soon became one of the leading collections of Egyptian art outside of Egypt.

Hopefully they will move into a new building soon where the richness of their collection can be more appreciated than at their current home in the Darwin Building on the UCL campus.

Meanwhile enjoy a collection of memories from this year’s visit  here at my blog 🙂

Mit seinen über 80.ooo Sammlungsstücken ist das Petrie Museum in London eines der bedeutendsten Museen für ägyptische und sudanesische Archäologie außerhalb Ägyptens. Die ersten Stücke wurden von der Schriftstellerin Amelia Edwards an das University College in London gestiftet. 1913 hat dann Sir William Flinders Petrie seine umfangreiche Privatsammlung an das College verkauft. Zuerst nur für Forscher und zur Ausbildung von akademischen Nachwuchs gedacht ist das Museum heute öffentlich zugänglich. Es befindet sich nach wie vor auf dem Gelände des University Colleges (UCL) im sogenannten Darwin Building in Bloomsberry.

Ein größeres Museum ist in Planung, wird aber noch sicher dieses Jahr dauern. Dann jedenfalls wird die Sammlung über drei Stockwerke ausgestellt und kann so besser gewürdigt werden als in den bisherigen 2 Räumen und ein Treppenhaus 🙂

Wer sich bis dahin schon mal ein Bild der Objekte dort machen will kann auf meinem Blog nachschauen. Ich habe dort einige Erinnerungen von meinem diesjährigen Besuch im Petrie Museum online gestellt.

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